Das Seil
Das Seil ist das zentrale Element der Seiltechnik. Wenn man die Einseiltechnik richtig anwendet, führt ein Versagen eines anderen Elementes nicht unmittelbar zu einer Gefährdung des Befahrers (man hängt immer mit mindestens zwei Punkten am Seil). Ein Seilriß führt bei der Einseiltechnik zum Absturz. Dennoch ist ein zweites Seil nicht erforderlich, da die Sicherheit bereits im Seil steckt. Die Bruchlast eines neuen Speleoseils liegt bei minimal 2000 kg bis über 3000 kg, je nach Hersteller und Durchmesser. Durch Alterung, Nässe, Kälte und enge Biegeradien (beispielsweise in Knoten) kann die Bruchlast des Seils im Einsatz auf 35..50 % dieser Werte sinken - ergibt für ein Befahrerlebendgewicht mit Rucksack von 150 kg einen Sicherheitsfaktor von über 5. Diese Rechnung gilt nicht mehr bei Stürzen ins Seil, bei unsachgemäßem Einbau und natürlich bei überalterten oder anderweitig geschundenen Seilen, deswegen sind die unten gegebenen Hinweise zur Seiltechnik und zum Seileinbau auch so wichtig.
Die in der Höhlenforschung und auch bei der Altbergbaubefahrung angewandten Seile sind statische Seile (Speleoseile), sie haben eine geringe Seildehnung von 0,5 % bis maximal 2% bei 100 kg Last. Das heißt, daß ein Seilende, welches beim Abseilen gerade bis zur Sohle eines 100 m tiefen Schachtes reichte, sich nach dem Entlasten schon außer Griffweite befinden kann! Die Seildehnung ist auch für den JoJo-Effekt verantwortlich, der den Befahrer beim Aufstieg sehr belustigt. Um Verwechslungen vorzubeugen, die für den Befahrer unangenehm werden können, für den Kletterer jedoch lebensgefährlich sind, sind Speleoseile einfarbig weiß (oder schwarz), mit wenigen Fäden der Kontrastfarbe. Kletterseile sind dagegen meist schreiend bunt.
Das Seil ist als Kernmantelseil mit tragendem Kern und schützendem Mantel aufgebaut. Der Kern setzt sich wiederum aus 2, 3 oder mehr tragenden Fäden zusammen, deren jeder im Extremfall noch das Befahrergewicht halten könnte. Als Materialien sind unterschiedliche Kunstfasern im Einsatz, Hanf ist an anderer Stelle besser aufgehoben.
Umgeben wird der Kern von einem schützenden Mantel, dem natürlich auch eine gewisse Tragfähigkeit zukommt. Der Mantel ist bei Speleoseilen besonders dicht gewebt, um dem Eindringen von Schlamm (wenn der dann trocknet, hat man feinsten Schleifstaub im Kern) zu verhindern. Er ist besonders widerstandsfähig und von großer mechanischer Festigkeit, um an Scheuerstellen (lassen sich nur theoretisch vollständig vermeiden) lange zu widerstehen, sich durch die Reibung an den Abseilgeräten nicht selbst zu zerstören und um den Belastungen durch die Zähne der Steigklemmen standzuhalten. Aus diesem Grund ist er auch möglichst fest mit dem Kern verbunden, während sich beim Kletterseil Mantel und Kern gegeneinander leichter verschieben lassen. Nicht zuletzt schützt der Mantel den Kern vor zu engen Biegeradien, die die Reißfestigkeit des Statikseils verringern würden. Durch diese Eigenschaften des Mantels wird das Speleoseil bei gleicher Tragfähigkeit wesentlich steifer als ein Kletterseil (dynamisches Seil).
Der Aufwand für die Seilpflege hält sich in Grenzen, aufgrund der Wichtigkeit sollte sie daher auch gründlich durchgeführt werden. In der Hauptsache beschränkt sie sich auf‘s Waschen mit kaltem Wasser zum Entfernen von äußerem Schlamm und Dreck (einen leichten Braunschleier wird das Seil trotzt intensivster Wäsche behalten). Die Wäsche erfolgt am einfachsten im nächsten Bach oder einem größeren Wasserkübel. Dabei sollte man jeden Meter Seil durch die Hände laufen lassen und öfters durchwalken. Profis basteln sich eine schlaue Waschvorrichtung aus zwei Bürsten ([1]), zwischen denen sie das Seil durchlaufen lassen. Noch professionellere Profis waschen ihr Seil im Schongang der Waschmaschine mit kaltem Wasser. Wer das heimlich zu Hause ausprobieren will, der sei gewarnt - Mutti merkt das! Da hilft dann nur, die nächste Befahrung vorzuziehen. Nach der Wäsche sieht man nochmals jeden Meter Seil auf äußere Beschädigungen durch. Beschädigungen des Kerns bemerkt man nicht. Ganz extreme Treffer äußern sich dadurch, daß das Seil an dieser Stelle knickt, statt sich im einheitlichen Radius zu biegen. Wenn der Verdacht auf so eine Beschädigung besteht, muß man Meter für Meter in Schlaufen legen. In größeren Abständen sollte man das auch ohne konkreten Verdacht tun. Nach Wäsche und Kontrolle kann man das Seil gleich für morgen wieder in den Rucksack packen (Befahrers Traum), sonst läßt man es im Schatten langsam trocknen.
Bei festgestellten Beschädigungen sollte das Seil je nach Art des Schadens aussortiert (beispielsweise bei starkem Mantelverschleiß) oder nur die betreffende Stelle herausgeschnitten werden (wenn es sich um eine punktuelle Beschädigung handelt). Man hat dann zwei Seile statt einem und also 100 % Profit. Eine Altersgrenze für Seile ist schwer anzugeben. Wer einen Hersteller fragt, wird mit Sicherheit ein neues Seil kaufen müssen. Wenn das Seil zum Sprödbruch neigt, wird es auch der Hartgesottenste und Ärmste wohl besser zur Seite legen.
Sicherheitsbeauftragte mal weghören: mit einem Probestück, einem Festpunkt und einem PS-starken Fahrzeug (Zuglast im Fahrzeugschein) kann man auf einem freien Parkplatz mal einen Zugversuch improvisieren. 600, 700 kg Zuglast sollte man hinbekommen - was reißt, fliegt raus. Mit einem 80 kg-Sandsack und einer soliden Aufhängung kann man auch einen Normsturz wie in Abbildung 131 als Test durchführen, die aufgebrachte dynamische Last liegt weit jenseits der im normalen Befahrungsbetrieb zu erwartenden statischen Belastung. Die zum Testen verwendeten Seilstücke und Karabiner sind danach für Befahrungen nicht mehr zu gebrauchen!
Ansonsten muß jeder ein Gespür für sein Seil entwickeln. Faktoren, welche die Lebensdauer negativ beeinflussen, sind unter anderem UV-Strahlung, innerer Abrieb (Lehmpartikel im Kern, siehe oben), häufige Benutzung, chemische Einflüsse (Ausgelaufenes Öl oder Benzin im Kofferraum, Lagerung neben einer Autobatterie, dann besser gleich wegwerfen; chemisch aggressive Grubenwässer). Auch ein harter Sturz ins Speleoseil, der aus irgendwelchen Gründen doch überlebt wurde, sollte Anlaß sein das Seil auszusortieren oder das betroffene Stück rauszuschneiden.
Es gibt zahlreiche Methoden, ein Seil kunstvoll aufzuschießen, das heißt zu einem Bündel zu packen. Alle haben den Vorteil, daß man dann beim Seileinbau unter Tage einen Fitz im Seil hat. Daher wird das Seil am besten der Länge nach in den Rucksack (besser: spezieller Seilsack, kleiner Extra-Schleifsack) hineingefüllt. Beim Seileinbau läuft es dann aus dem Sack, den man unter sich am Gurt befestigt, nach Bedarf wieder hinaus (Abbildung 132). Man hüte sich, in unbekannten Schächten das Seil mit kühnem Schwung in einem Stück hineinzuwerfen. Erstens verfitzt es, und man muß den Knoten unterwegs ausbasteln, zweitens kann es sich unten in Abgründe verkrümeln und dort verhaken, wo man selber nicht nachsteigen und es herausholen kann und drittens ist es, auf der Schachtsohle aufliegend, den harten Treffern der Brocken ausgesetzt, die beim Bereißen nach unten brechen. Ganz prekär wird es, wenn sich ein losgelöstes nasses, schweres Ausbauholz eine Seilschlaufe hängt und nun gemeinsam mit dem Befahrer an der Seilaufhängung zieht.
In jedes Seilende gehört bereits beim Einpacken in den Rucksack ein Endknoten! Ganz gleich, was Risse oder Kumpel, die den Schacht schon kennen, von dessen Länge erzählen. Es reicht, wenn man sich im Seil vergriffen hat - dann ist bei fehlendem Endknoten nach kühnem Sprung Schluß. Einen soliden Achterknoten im Doppelseil läßt man sich in Fleisch und Blut übergehen.
Bei Seilen wie auch bei Schlingen werden nach dem Abschneiden die Enden verschmolzen, um ein Aufdrieseln zu verhindern. Das geht mit jedem Feuerzeug oder der Karbidlampe auch unter Tage.