Das Aufsteigen
Wer runter kam, will auch wieder nach oben. Bewährt und mit etwas Training und angepaßter Ausrüstung gar nicht so uneffektiv ist die hier beschriebene Froschtechnik. Sie hat den Vorteil, daß sie problemlos zu beherrschen ist, geringsten Materialeinsatz erfordert und an Umsteigstellen besonders einfach zu handhaben ist. Für sehr lange, senkrechte Schächte gibt es effektivere Steigmethoden, wie zum Beispiel in Meredith ([1]) beschrieben werden.
Man arbeitet mit zwei [[Steigklemmen]9, welche wechselseitig gegeneinander verschoben werden. Die eine sitzt fest eingebunden vor dem Bauch, die zweite ist beweglich, mit der Hand am Seil zu verschieben und wird mit der langen Longe mit dem Sitzgurt verbunden (Bild {G48}). Läßt man diese Sicherung weg, ist das ein Himmelfahrtskommando. Versagt die Bruststeigklemme (das Seil springt zum Beispiel heraus oder sie greift einfach nicht) und man rechnet nicht mit einer solchen Änderung im eingespielten Bewegungsablauf, läßt man nämlich die Handsteigklemme los und bleibt nur in einem von 50 Fällen in der Fußschlinge hängen - 49 solcher Versuche enden auf dem Schachtgrund. Die Länge der Fußschlinge bemißt man so, daß bei gestrecktem Bein und straffer Fußschlinge die Handsteigklemme unmittelbar über der Bruststeigklemme sitzt. Ob man die Fußschlinge zum gleichzeitigen Hineintreten beider Füße bemißt oder nur zum wechselnden Benutzen eines Fußes, ob man eine sich zuziehende Schlinge verwendet, um sicheren Halt und schmerzende Füße zu erhalten oder eine starre Schlinge, ist Geschmackssache. Im [[Tonnläger]9 hat man ohnehin immer ein Bein am Stoß.
Nach diesen Vorbereitungen kann es losgehen. Man legt das Seil in Brust- und Handsteigklemme ein und zieht es unten straff. Nun schiebt man die Handsteigklemme so weit wie möglich nach oben. Hat man nur einen Fuß in der Schlinge, bleibt man erstmal auf dem anderen Bein stehen, andernfalls muß man dazu schon in die Hocke gehen, die Bruststeigklemme blockiert und zieht das Seil nach unten. Dann wird die Handsteigklemme belastet und die Bruststeigklemme entlastet. Dazu tritt man, wenn man nur mit einem Bein in der Fußschlinge steht, mit diesem hinein. War man in der Hocke, weil man die Fußschlinge für beide Beine ausgebildet hat, steht man auf. Theoretisch läuft jetzt das Seil durch die Bruststeigklemme, und man wäre wieder in der Ausgangsstellung und etwa einen halben Meter am Seil emporgeklommen (was sich durch die Seildehnung bei den ersten paar Hüben zu Null reduziert). Praktisch hat das Seilende unter der Bruststeigklemme noch nicht das Eigengewicht, um den Widerstand der Feder zu überwinden, die den Klemmenhebel gegen das Seil drückt, und bildet zwischen Brust- und Handsteigklemme eine Schlaufe. Diese zieht man mit der freien Hand nach unten durch, oder man hat (für Trockenübungen oder die ersten zwei Meter im Schacht) einen Kumpel unten stehen, der das Seil straff hält. Hat man etwa zehn Meter Seil frei unter sich hängen, läuft es meist alleine durch die Bruststeigklemme. Die Zeit dazwischen muß man entweder durchziehen, oder man bindet im Schacht einen Stein oder schwereren Schleifsack ans Seilende, den der letzte dann wieder löst. Im Schacht steht keiner im Steinschlag, um das Seil straff zu halten!
Für möglichst effektives Aufsteigen ist, wie schon erwähnt, ein fester Sitz der Bruststeigklemme unerläßlich. Lange Longe und Fußschlinge müssen auf den Sitz der Bruststeigklemme und den Körperbau des Befahrers gut abgestimmt werden, was sich erfahrungsgemäß erst nach einigen dutzend Befahrungen zufriedenstellend lösen läßt. Die Hauptarbeit müssen die Beine verrichten, sonst erhält man schnell einen Armkrampf. Man versucht daher, möglichst senkrecht nach unten zu treten und die Hände an der Handsteigklemme nur zum Fixieren der aufrechten Lage, nicht zum Klimmzug zu nutzen. Da man oft noch das Seil nach unten durchziehen muß, also nur eine Hand an der Handsteigklemme hat, ist das Resultat der Übung sonst meist ein ordentlicher Muskelkater am nächsten Tag. Im Tonnläger bleibt das „senkrechte nach unten Treten“ natürlich graue Theorie. Auch kräftesparendes Aufsteigen lernt man am besten durch häufige Praxis.
Das Aufsteigen ist zwar kräftezehrender als die Abseilerei, aber das Passieren von Umsteigstellen wird im Steigrhytmus „nebenbei“ mit erledigt. Man sichert sich lediglich, während man die Steigklemmen nacheinander in’s andere Seil umhängt (Bruststeigklemme zuerst!), wieder mit der kurzen Longe am Umsteigpunkt, so daß man immer zweimal am Seil fixiert ist.