Verfitzt - was tun?
Man bastelt sich regelmäßig in Situationen, in die man nicht hineinwollte - als Anfänger sowieso und auch mit etwas Routine baut man noch genügend Mist. Beliebete Beispiele sind das Abseilen bis in den tiefsten Punkt einer Umsteigstelle (an der Aufhängung vorbei) oder in den Abseiler gehedderte Longen und so weiter. Das vermeidet man dadurch, daß man nicht herumdöst, sondern sich vor jedem Handgriff dessen Zweck ruhig durch den Kopf gehen läßt (soll keine Aufforderung zum Blockieren von Schächten durch nachdenkende Befahrer sein!). Weiterhin wird man sich mit etwas Routine auch feste Plätze für das jeweilig benötigte und nicht benötigte Seiltechnikgerafel angewöhnen, was sehr zur Orientierung beiträgt. Nicht benötigtes Gerät entfernt man aus dem Zentralglied, um dort Platz zum Hantieren zu haben, und bringt es seitlich in den Aufhängelaschen des Gurtes unter. Hat man sich doch verheddert, guckt man sich die Bescherung erstmal in Ruhe an. Dann prüft man, ob man noch zweimal im Seil hängt, und hängt sich im Zweifelsfalle einmal mehr ein.
Fast in jedem Falle kann man dann durch Einbau der Steigklemmen und kurzes Hochsteigen am Seil das entstandene Chaos lüften und verliert höchstens etwas Zeit. Hat man sich beim Hochsteigen vertan, kann man auch mit den Steigklemme ein Stück am Seil nach unten: durch Lüften des Klemmenhebels (die zweite Sperre verhindert ein gänzliches Verlieren des Seils) kann man das Seil ein Stück entgegengesetzt der Klemmrichtung durchlaufen lassen (Abbildung 142). Dreht man den Aufstiegsrhytmus auf diese Weise um, kommt man ohne großen Umbauaufwand zwei, drei Meter am Seil wieder nach unten, was in den meisten Fällen genügt, um beispielsweise den Schleifsack aus einer Klemmstelle zu befreien.
Auch der generelle Umbau ist kein Problem: seilt man in einen Schacht ab und wird von einer schillernden Wasserfläche empfangen, legt man den Abseiler fest, baut die Hand- und die Bruststeigklemme ein, löst die lange Longe von der Selbstsicherung und hängt sie in die Handsteigklemme ein. Dann entfernt man die Selbstsicherung vom Seil und den Abseiler und kann wieder hochsteigen.
Die umgekehrte Variante ist auch problemlos: Man baut zwischen Bruststeigklemme und Handsteigklemme die Abseilsicherung ein, unterhalb der Bruststeigklemme ins freie Seilende den Abseiler und blockiert diesen. Nun löst man die lange Longe von der Handsteigklemme und hängt sie in die Abseilsicherung. Dann tritt man in die Handsteigklemme, entlastet so die Bruststeigklemme und kann diese aushängen. Setzt man sich wieder nieder, sitzt man im blockierten Abseiler und kann die Handsteigklemme auch noch aushängen, worauf man die Blockade des Abseilers aufhebt und gemütlich abfährt. Reicht die Hand nicht mehr bis zur Handsteigklemme, muß man weiterbasteln und den Abseiler nochmals, diesmal etwas höher, einbauen.
Man ersieht aus diesem, daß es keine ausweglosen Situationen gibt, sondern daß man sich mit etwas Überlegung aus jedem Malheur wieder befreien kann, auch ohne ungesicherte Klimmzüge am Seil. Ist zum Beispiel die Handsteigklemme unerreichbar nach oben geschwebt, behilft man sich mit dem Shunt oder einer Prussikschlinge, oder man schlingt das Seil zweimal um den Fuß und blockiert die beiden Stränge dann mit einer Hand - so kann man auch mit nur der Bruststeigklemme etliche Meter am Seil nach oben. Wichtig ist allerdings, daß die seiltechnische Grundausstattung (Steigklemmen und Abseiler, Abseilsicherung und sonstiger Kleinkram) immer greifbar am Gurt und nicht ganz unten im Schleifsack (und der ganz oben am Schacht) ist. Für den Ersten im Schacht ist das ganz unabdingbar, in glatten, durchgehenden Schächten können die Folgenden natürlich eine Ausnahme machen.
Eine Kameradenbergung ist wegen eines solchen Fitz’ nur dann erforderlich, wenn unzureichend Material am Mann ist (Abseilen mit den Steigzeug im Rucksack, keine 6er Schlinge dabei und ähnliches) oder bei Anfängern, bei denen zum realen Problem leicht noch Panik kommt. Daher müssen bei einer Gruppe mit weniger Bergbauerfahrenen (die Seiltechnik als solche muß natürlich draußen bis zum Sitzen geübt werden, aber die Anwendung unter Grubenbedingungen ist doch etwas anderes) die übrigen Teilnehmer auch die Kenntnisse in Kameradenbergung besitzen (siehe auch Kapitel 14.9).